Autor: Dayton Kars

Autobahnpredigt

Das Elend der alltäglichen Autofahrt, wer kennt es nicht? Die Sonne scheint, Frühlingsdüfte wehen durchs halb heruntergekurbelte Fenster, im Radio läuft „Sunshine Reggae“ von Laid Black. Der Kaffee im Pappbecher döst kurz unter der Armlehne vor sich hin und mit einem halben Gedanken träumt man sich schon in den Sommerurlaub. Sonne. Strand. Palmen. Vielleicht kommen die ersten Gedanken an die Arbeit hoch, Termine, die noch zu erledigen sind. Frau Müller zum Diktat. Irgendwann kaschieren die Vorderräder den zerplatzten Hasen, den irgendein depperter Autofahrer letzte Nacht aus dem Nest geschubst hat. In diesem Moment knistern eine Menge Moleküle und Hirnzellen zu Höchstleistungen auf und die bioelektrischen Impulse zwischen den Synapsen lassen jetzt verschiedene Verhaltensweisen zu. Nun gut, die meisten entscheiden sich sicherlich für´s Weiterfahren und nach wenigen Lidschlägen ist die rosarote Ekelei auch schon wieder vergessen. Kleiner Nipp am Kaffeebecher, der Fuß wippt wieder im Reggaetakt. Manchmal, aber nur manchmal könnte es aber auch passieren, dass man sich die folgende Frage stellt: Welchen Sinn macht es, über den Tod nachzudenken, solange das Leben wie eine frisch geöffnete Pulle Vitamalz durch unsere Venen sprudelt? Vor diesem Hintergrund sind die halbgeöffneten Nagetiere abseits der Bundesstraße möglicherweise als Symbole der Sterblichkeit zu verstehen, die uns bei jedem neuen Mittelstreifen an das mögliche Ende unserer eigenen Existenz denken lassen. Mal Hand aufs Herz (bumm … bumm … 70 Schläge pro Minute, ein Powerorgan ohne...

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High Noon

Es ist zwölf Uhr Nachmittags. High Noon im beschaulichen Dörfchen Neuenfelde. Der Wind weht sachte, ein mildes Frühlingslüftchen treibt Wüstenteufel vor sich her und irgendwo im Nichts krächzt ein Geier. Und wenn man sich umschaut sieht man keine einzige Menschenseele. Wo sind sie alle, mag man sich fragen, steht achselzuckend an der Hauptstraße und starrt auf leere, verwaiste Häuschen. Neuenfelde – zur Zeit Deutschlands einziges Örtchen, das sich eine ganze Geisterstadt leistet – ist ein Kuriosum. Weil das langweilige Kaff in direkter Verlängerung der Airbus-Einflugsschneise liegt und die Stadtherren keinen Bock auf möglicherweise zu erwartende, herumzickende Mieter hatten, wurden diese vor knapp acht (!) Jahren zu Luxuspreisen aus den alten Wohnungen gelockt. Seitdem stehen die Buden leer und das Städtchen blickt, rechnet man die vergangenen und nicht geleisteten Steuern bzw. Mietzinsen zusammen, mit ein paar Millionen Euro Steuergeldern in der Kreide. Die ganze Angelegenheit ist schon so bizarr, dass Neuenfelde aus dieser zur Schau gestellten politischen Unfähigkeit glatt Kapital schlagen könnte. Doch anstatt Skandaltouristen aus dem ganzen Bundesgebiet in ihr schrottenlangweiliges Kuhdorf zu locken, wartet man die ganze Angelegenheit einfach ab, geht umsichtig in Deckung und hofft, dass hoffentlich niemand genauer hinguckt. Wie es die typischen Betonköpfe eben so tun, vermeidet man auf Anfrage allzu konkrete Antworten, wimmelt ob des Verstandes seiner politischen Mandatsträger zweifelnd jedwede dumme Nachfrage ab und versteckt sich gekonnt hinter schlecht zusammengeklaubten Entschlussfassungen (bei denen...

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Eisbärenbarometer

Erinnert ihr euch noch? Vor knapp vier Jahren geisterte so ein kleiner knuffiger Eisbär durch alle Medien, und – hach Jott neh, was war der niedlich! Nicht lange nachgedacht, die Rede ist natürlich von Knut, dem drolligen Eisbärenbaby, die Sommerlochbrücke schlechthin. Kleine blitzende Knopfäuglein in einem fluffigwuschigen Fellkostüm und die ganze Nation verfiel in dadaistische Sympathiebekundungen. Wenn ich mich recht erinnere, gab es Knut T-Shirts, Tassen, den üblichen Merchandise-Schrott und sogar einen Knut-Song. Neeein, ich möchte das jetzt nicht hier verlinken, scroogled mal selber nach, es gibt haufenweise Videos dazu. Nun ist es soweit. Ohne lange Umschweife und verlassen von Kameras und dem üblichen Medienklimbim torkelt Knut von der Scholle. Platsch und aus. Davon mal ganz abgesehen, dass der Gute einfach nicht mehr so richtig niedlich war – das Kindchenschema hat sich leider ausgewachsen – gibt es verschiedenartige Mutmaßungen darüber, warum unser aller pelziger Freund plötzlich den Löffel abgegeben hat. Die einen vermuten eine psychosomatische Antristress-Reaktion auf das Fehlen medialer Aufmerksamkeit und Massenhysterie, die anderen sind der felsenfesten Überzeugung, er wäre von den beiden Eisbärenladies zu Tode gemobbt worden. Ja, das sieht ihnen wieder ähnlich. Eisbärenvamps. Skurrile Vorstellung. Wird der gemeine Bürger befragt, und das geschieht hier gerade in der Boulevardpresse oder in den üblichen Hirntodsendern relativ häufig, so weiß natürlich jeder gleich, wer schuld war. Der Pfleger war’s, wieso nippelt der auch so früh ab und hinterlässt den...

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Wenn die Meise drei Mal zwitschert. Oder: Speed-Springing für Anfänger.

Mal ehrlich – habt ihr es nicht auch langsam satt? Ewig dieses matschgraue Allerlei vor dem Fenster, jeden Morgen das gleiche trübe Trauerspiel? Wenn wenigstens trotz der verhängnisvollen Nachrichten, die tagein, tagaus so auf uns einprasseln, wenigstens mal die Sonne scheinen würde, aber hier – im tristen Norden – Fehlanzeige. Es geht ja im Grunde schon morgens nach dem Weckerklingeln los: Waaaa, oh Gott, schon so spät? Verdammt, Fukushima – ist das Teil schon in die Luft gegangen? Erdbeben … achso, dann war da noch die Sache mit der Wirtschaftskrise … und das Wetter ist auch noch Mist. Der morgendliche Blick aus dem Fenster ist hierbei nicht zu unterschätzen. Ich weiß nicht, wie es euch dabei geht, aber wenn ich schon morgens im Bett durch blauen Himmel, Sonnenstrahlen, eine (relativ) milde Frühlingsbrise und gelegentlichem Vogelzwitschern geweckt werde („Verpiss dich, das ist MEIN Ast!“ – „Ach ja? Dafür hab ich die meisten Weiber!!“ – „Ficköööööön!!“ … Weia, seien wir dankbar, dass wir die Viecher nicht allzu gut verstehen …), erscheint der ganze folgende Tag in ganz anderer, positiver, optimistischer, frühlingsfröhlicher Konnotation. Zudem ist der Einfluss des Wetters auf unser gesamtes Wohlbefinden nicht zu unterschätzen, jeder noch so zaghafte Lichtstrahl kommt nach dem dunklen, eismatschigem Winter einer wahren UV-Dusche gleich. Das pumpt die Leichtigkeit des Seins in die Zellen, lässt unsere Schritte „foxy“, unser Lächeln entrückter, unseren Hüftschwung um einiges dynamischer...

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Rechenschiebereien zur Endzeit

Die Laufzeitverlängerungen deutscher Atomkraftwerke werden für drei Monate ausgesetzt. Frau Merkel hat sich endlich durchgerungen, den Atomkraftgegnern doch tatsächlich etwas entgegenzukommen. Wer hätte das gedacht? In Zeiten des atomaren Notstandes, multipler Reaktorenexplosionen und dem Freisetzen verseuchten Wasserstoffgemischs aus japanischen Atommeilern haben unser AKWs drei Monate Zwangspause. Wer hinter dieser Entscheidung Standesklüngel oder politische Berechnung vermutet, könnte damit sogar richtig liegen, denn auf diese Weise rettet man sich über ein paar notwendige Wahlen und schafft es vielleicht, trotz des ganzen Desasters und in Zeiten bockiger AKW-Demonstranten doch noch etwas für das politische Klima zu tun. Jede Krise währt nur so lange wie die eigene Legislaturperiode, Altkanzler Schröder war in dieser Hinsicht übrigens auch ein wahrer Meister des diplomatischen Camouflage. Whatever. Während hierzulande jedenfalls wieder einmal die Atomdebatte aufkommt, in den Fernsehshows das illustre Für und Wider gegeneinander abgewogen wird und sich die beteiligten Gesprächspartner auf mitunter groteske Art an die Gurgel springen, lohnt sich ein Blick über den nationalen Tellerrand. Skandinavien vermutet in der Nuklearenergie ein natürliches und umweltfreundliches Verfahren zur modernen Energiegewinnung und in Polen freut man sich schon lange auf ersehnte Atommeiler-Neubauten. Knapp 170 AKWs gibt es weltweit, zwei davon fliegen in 25 Jahren Abstand in die Luft … geht man also von 25 Jahren Gnadenfrist bis zum nächsten Supergau aus und rechnet man die Inflationsrate in der AKW-Baubranche mit ein, so fliegen uns 3,4% aller Atomkraftwerke pro...

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Butterfliegen-Effekt

Chaostheoretiker aufgepasst! Wie oft hatte man schon diese Situation, irgendwas läuft total schief, man regt sich auf, und wenn man dann seinen lieben Mitmenschen sein Leid klagen will, kommen so dummdröselige Bemerkungen wie: „Jaja, und in Moskau platzt ’ne Bockwurst.“ Auch der Klassiker mit dem Sack Reis, der im China vom Regal fällt, dürfte vielen von uns wohlbekannt sein. Der Butterfly-Effect hat so seine Tücken, und wenn man genauer darüber nachdenkt, könnte man eigentlich völlig irre werden. Das, was Freud unter dem Determinismus verstand und jeden Menschen von seiner Verantwortung befreit, für sein Handeln im Ergebnis frei gesprochen zu werden, hat sogar globale – wenn nicht gar darüber hinausgehende – Folgen. Der Kaffee schwappt über und im Chi-Persei Sternenhaufen implodiert der Rote Riese 22-37X zu thermonuklearen Bröseln. Scheiße verdammt. Nun ja. Wendet man sich wieder dem wuseligen Treiben der aussterbenden Gattung Homo Sapiens zu, könnte man darüber nachdenken, warum z.B. Omma Schibulski aus Bottrop-Kirchhellen für den 11. September verantwortlich ist, oder welche gottverfluchte Antilope im Okawango-Becken Botswanas durch ihre Ungeschicklichkeit dazu beigetragen hat, dass im etwas weiter nördlich gelegenen Libyen ein paranoider Staatsherr nach einer Schale Kus-Kus offenbar sein Hirn gleich mitverdaut. Möglicherweise hat der kollektive Wunsch nach noch mehr Mobilität und sinkenden Rohölpreisen dazu beigetragen, dass sich diverse Kontinentalplatten ineinander verschieben und die Technologie-Nation schlechthin in Chaos und Katastrophen-Notstand versinkt. Tsunamis und der bevorstehende Super-GAU im Atomkraftwerk Fukushima...

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Ich hab‘ da noch so´n App!

Damals, vor Unzeiten scheint es, gab es für so richtig hippe Leute diesen Trend, sich für total überteuertes Geld so ein Mobilfunktelefon zu kaufen. Die Dinger damals hatten noch ne Antenne zum Rausziehen, waren klobig wie´n Holzscheit  und wenn man angeben wollte, konnte man seinen Kumpels die vier Klingeltöne vorspielen oder beeindruckte mit seiner ganz persönlichen Version von „Pong“ (das war dieses ultimative Game mit den beiden Balken links und rechts, die einen Cursor über den Fernseher schossen). Nun, wie es scheint eine ganze Ära weiter, beeindrucken die smarten Taschencomputer mit einer omnipotenten Anwendungsvielfalt und das reine Telefonieren oder Erreichbar-Sein geht unter in einem Wirrwarr von sogenannten „Apps“. „Apps“, die Kurzform des Wörtchens „Applications“ sind kleine, billige Miniprogramme, die ein Smartphone individuell erweitern … und oft völlig überflüssig sind. Sie reichen von Bierflaschensimulationen über virtuelle Fitnesstrainer bis hin zu vollständigen Navigationsprogrammen mit einer Funktionsvielfalt, wie es ein Endgerät mit ebendieser Spezialfunktion auch im Einzelhandel anzubieten hätte. Nun stellt sich die Frage, was unser täglich Leben mit dieser neuen Angebotsvielfalt anzufangen weiß. Ob es eine Bereicherung oder eher ein Fluch ist, seine kostbare Zeit mit Minigames zu vergeuden oder über einen Minibildschirm die aktuellen Schlagzeilen der Tageszeitung zu lesen, mag jeder für sich allein entscheiden. Für die digital natives von heute (im Gegensatz zu meiner Generation, die als Nomaden des Multimediazeitalters gelten und mit dem Status der digital immigrants abgestraft...

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„Nochmal Glück gehabt.“

Wisst ihr, mit der Berichterstattung in Fernsehen und Zeitung ist das schon so eine Sache. Man blättert morgens gelangweilt durchs Pergament, tropft mit seinem Honig rum und schafft es grade mal, aus zugekniffenen Augenschlitzen den Text zu entziffern, während im Hintergrund die Kaffeemaschine gluckert. Irgendwann bleibt dann der Blick bei einer Schlagzeile haften, sei es auf Seite eins oder erst nach einiger Zeit, wenn man sich an das Tageslicht gewöhnt hat und die Buchstaben vor dem inneren Auge zu richtigen Wörtern werden. Und da steht es dann wieder, zwischen all dem Leid und dem Elend dieser Welt, politischem Irrsinn und Naturkatastrophen. Irgend was in der Art: „Tausende Tote, vierzehntausend Verletzte … und darunter zwölf Deutsche.“ Super. Da haben wir aber nochmal Glück gehabt. Habt ihr euch nicht auch schon mal gefragt, welchen Sinn diese Formulierung überhaupt hat? Nach langer Grübelei bin ich ehrlich gesagt nicht dahinter gekommen. Um es genau zu sagen, finde ich es ziemlich pietätlos, bei solchen Schicksalsschlägen auch noch über eine Nationalquote nachzudenken, als ob es in den globalen Krisengebieten überhaupt eine Sau interessiert. Soll hier künstlich Betroffenheit erzeugt werden? Wird das Elend auf diese Weise begreifbarer? Weiß der Geier. Als ob den Ottonormal- und Boulevardzeitungsleser überhaupt der Sinngehalt einer Nachricht interessiert; irgendwo zwischen verblödeten Dauergrinsern, die mit ihrem Hintern auf polierten Töpfen ne Skischanze runterrutschen oder Gesichtsbarracken in Kakerlakenwannen kommt dann vielleicht mal eine Nachricht,...

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Sieg über die Betonköpfe

Wie aus Freunden Feinde werden, Sprache ist schon eine komische Sache. Wie so oft im Leben können sich einzelne Missverständnisse zu großen Problembergen anhäufen und irgendwann kommt dann die ganze Sache ins Rutschen. Man möchte sich einfach nur kurz mit seinen Kollegen unterhalten, schiebt noch die eine oder andere Information rüber und plötzlichen nehmen zunächst ganz zwanglose Gespräche eine seltsame Wendung. Mir passieren solche Dinge ständig, seit letzter Zeit und in Beziehung mit der öffentlichen Verwaltung noch viel häufiger. Informationen oder sachliche Dokumentation werden als Bewertung oder Angriff auf die eigene fragile Persönlichkeit verstanden. Kurzes Beispiel: „Ist mein Antrag bearbeitet worden? In unserer letzten Email stand, dass Sie sich bis heute 12:00 Uhr zurück melden wollten.“ – „Was denken Sie sich eigentlich? Ich hab auch noch ganz andere Dinge zu tun!“ Solche Wortwechsel mit Betonköpfen und Eselshirnen bringen mich innerhalb kürzester Zeit auf die Palme. Auch hier scheint es sich vorrangig um ein eher westliches Problem zu handeln, das möglicherweise auf den stetigen Erfolgs- und Konkurrenzdruck zurückzuführen ist. Da fühlt sich jeder gleich auf den Schlips getreten, wenn auch nur die kleinste Kritik angedeutet wird. Es scheint nahezu unmöglich zu sein, sachlich mit seinen Mitmenschen zu diskutieren ohne zumindest zu riskieren, dass das Gegenüber wegen irgendeiner Nichtigkeit – und dann auch noch aus völlig verkehrt interpretierten Deutungen der eigenen Worte – an die Decke geht. Für denjenigen, der jetzt...

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