SPIEGEL ONLINE berichtet heute über einen „Vorfall“, der bei Schülern über Eltern bis zum Bildungsministerium Aufmerksamkeit und Entsetzen hervorruft.

Da hat ein Sozialpädagoge und Landwirt im Rahmen einer Projektwoche „Steinzeit“ vor den Augen der Fünftklässler ein Kaninchen geschlachtet und damit zeigen wollen, dass man damals nicht in den Supermarkt oder an den Kühlschrank gehen konnte, wenn man Hunger hatte und dass das, was man isst, vorher mal gelebt hat. Dabei hat er darauf geachtet, das „Event“ entsprechend vorzubereiten, zu erklären und den Kindern Gelegenheit zu geben, sich damit auseinander zu setzen. Bei einer Abstimmung der Lehrer zu dieser Schlachtung war im Vorwege die Mehrheit dafür. Man hatte nur versäumt, die Eltern einzuweihen. Eine Unterschriftenaktion der Fünftklässler hat eine Liste mit 30 Namen zustande gebracht, um dem Langohr den Frühling zu retten, wurde aber von der Lehrerschaft abgewiesen.

Nachdem nun die Kinder im Kreis um den Henker mit dem Langohr standen und eins nach dem anderen Abschied nehmen durfte, wurde der Osterhase fachmännisch erschlagen, die Kehle durchtrennt, aufgeschnitten und ausgenommen, das Fell über die Ohren gezogen und anschließend zum Ausbluten aufgehängt. Das hat dem einen oder anderen Schüler nicht so gut bekommen, einige wurden blass und einige weinten. Die Aktion endete damit, dass der Nager auf Steinzeitart zubereitet und kollektiv verspeist wurde, zusammen mit den Kindern und deren Eltern.

Kurze Zeit später meldeten sich nun entrüstete Eltern bei der Presse, um ihrem Ärger Luft zu machen, von psychischen Problemen ihrer Sprösslinge zu berichten und einen Skandal aufzudecken.

Unabhängig davon, ob die Aktion im Vorwege hätte richtig kommuniziert werden und zumindest den skeptischen Eltern  Gelegenheit gegeben werden müssen, ihr Kind davon auszuschließen – im Grunde ist doch das Ansinnen hinter der Aktion ein sehr Ehrenwertes – nämlich die Vermittlung der Achtung vor dem Leben. Das klingt zwar paradox, weil Meister Lampe ja dieselbige ausgeknipst bekam, anstatt auf Flehen der Kinder gerettet wurde, aber im Grunde zeigt es doch tatsächlich, wenn auch etwas drastisch, dass Fleisch von lebenden Wesen kommt, die irgendjemand töten muss, damit wir sie als leckeren Burger bei McDonalds oder als Salami auf unserer Tiefkühlpizza wiederfinden.

Zugegeben, man kann darüber streiten, on man ein derartiges Ritual mit 11jährigen Kindern machen muss, die noch das Stoffkarnickel im Bett haben, und man kann sich auch darüber streiten, ob man nicht ein weniger kuscheliges Tier „opfern“ kann – vielleicht eine Ratte. Aber dann wäre das Konzept nicht aufgegangen, denn es ging ja gerade um das Töten zum Zwecke des Verspeisens. Und muss man Kindern heutzutage wirklich alles Negative und Erschreckende vorenthalten?

Ich denke, einem Kind mit 10 oder 11 Jahren sollte es schon zuzumuten sein, das zu sehen und auch entsprechend zu verarbeiten. Dabei sollte man aber die Eltern in der Vorbereitung mitnehmen. Viele in diesem Alter angeln auch gerne und dazu gehört auch das Töten und das Essen. Dass einem das bei einem Säugetier ungleich schwerer fällt, ist verständlich und normal, aber die Botschaft ist dieselbe: wer Fleisch isst, muss zumindest theoretisch auch in der Lage sein, das entsprechende Tier zu töten, denn sonst verliert man jeden Respekt vor dem Lebendigen und degradiert Fleisch zu einem Industrieprodukt.

Die Nachkriegsgeneration kann, sofern sie auf dem Lande groß geworden ist, davon berichten, wie am Wochenende Schlachtfest gefeiert wurde, wie jedes Gramm eines Schweines verarbeitet wurde und welchen Geruch Schwarzsauer hat. Mein Vater erzählte mir, dass er damals sein geliebtes Schwein, dass er in der schlechten Zeit heimlich gefüttert hat mit einem Teil seiner eigenen Ration, damals auch verabschieden musste, als es geschlachtet werden sollte, und dass er traurig war aber auch stolz und dass das Schlachtfest wirklich ein Fest war, zu Ehren des Tieres und gegen den Hunger der Menschen.

Eine Reaktion, wie sie aufgebrachte Eltern ob der vermeindlichen Psychomacke ihrer verhätschelten Kinder  an den Tag legen, hätte damals niemand auch nur verstanden. Vielleicht sollte man darüber einmal nachdenken und froh sein, dass den Kindern von heute noch ganz anderes Leid erspart bleibt, das Krieg, Hunger und Kälte mit sich bringt. Heute muss man eher aufpassen, dass sie sich nicht hinter dem PC mit Gummibärchen und Erdnussflips verschanzen und das Leben verdaddeln. Und zum Leben gehört auch, dass Tiere sterben müssen, um uns zu schmecken. Das darf auch ein Kind schon wissen.

Wenn wir wollen, dass die Kinder sich bewusst ernähren, auf eine ökologische Herkunft ihrer Nahrungsmittel achten und einen Bezug zu dem haben, was sie essen, dann sollten solche mutigen Aktionen häufiger auch und gerade im Umfeld Schule stattfinden.