Erinnert ihr euch noch? Vor knapp vier Jahren geisterte so ein kleiner knuffiger Eisbär durch alle Medien, und – hach Jott neh, was war der niedlich! Nicht lange nachgedacht, die Rede ist natürlich von Knut, dem drolligen Eisbärenbaby, die Sommerlochbrücke schlechthin. Kleine blitzende Knopfäuglein in einem fluffigwuschigen Fellkostüm und die ganze Nation verfiel in dadaistische Sympathiebekundungen. Wenn ich mich recht erinnere, gab es Knut T-Shirts, Tassen, den üblichen Merchandise-Schrott und sogar einen Knut-Song. Neeein, ich möchte das jetzt nicht hier verlinken, scroogled mal selber nach, es gibt haufenweise Videos dazu.

Nun ist es soweit. Ohne lange Umschweife und verlassen von Kameras und dem üblichen Medienklimbim torkelt Knut von der Scholle. Platsch und aus. Davon mal ganz abgesehen, dass der Gute einfach nicht mehr so richtig niedlich war – das Kindchenschema hat sich leider ausgewachsen – gibt es verschiedenartige Mutmaßungen darüber, warum unser aller pelziger Freund plötzlich den Löffel abgegeben hat. Die einen vermuten eine psychosomatische Antristress-Reaktion auf das Fehlen medialer Aufmerksamkeit und Massenhysterie, die anderen sind der felsenfesten Überzeugung, er wäre von den beiden Eisbärenladies zu Tode gemobbt worden. Ja, das sieht ihnen wieder ähnlich. Eisbärenvamps. Skurrile Vorstellung.

Wird der gemeine Bürger befragt, und das geschieht hier gerade in der Boulevardpresse oder in den üblichen Hirntodsendern relativ häufig, so weiß natürlich jeder gleich, wer schuld war. Der Pfleger war’s, wieso nippelt der auch so früh ab und hinterlässt den armen Eisbären in jenem lethargischen Motivationstief? Der Todestrieb hat ihn letzten Endes dahingerafft, versteckte Epilepsie … und dann ist da noch die Oma, die Knut Gift hat kotzen sehen. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Nun gut, lassen wir´s lieber.

Man könnte meinen, die Welt hätte grade ganz andere Sorgen als gestresste Eisbären, die zappelnd von der Scholle kippen. In Libyien … Libyen … Lyby… IHR WISST SCHON (nur zu meiner Ehrenrettung, die richtige Schreibweise lautet natürlich „Libyen“ und da bin ich mir ganz sicher) bekommt der lustige Machthaber mit der schlecht geschneiderten Faschingsuniform durch das selbsternannte Bündnis der Willigen die volle Breitseite der westlich-kapitalistischen Militärmacht um die Ohren geballert und im fernen Osten strahlt der Thunfisch munter aus der Dose. Tote, Katastrophen, Krieg, Atomunfälle, verseuchtes Eisbärenfutter mit Strahlemann-Soja von Übersee …

Man mag geneigt sein, in Anbetracht der globalen Verheerungen ob einer Todesschlagzeile des „Eisbären der Nation“ mit der Stirn zu runzeln. Aber manchmal trägt auch die Beschäftigung mit den kleinen, ganz alltäglichen Gemeinheiten des Lebens ihren Teil dazu bei, etwas Abstand zu gewinnen.

In diesem Sinne: Mach´s gut, Knut!