Wo man täglich auch das Fernsehen einschaltet oder auf welche Titelseite man auch blickt – Japan und die Entfesselung von Natur- und Mensch-gemachten Kräften begegnet einen dieser Tage auf Schritt und Tritt. Die Katastrophe ist so phänomenal und gigantisch, die Folgen so unabsehbar und die Entfernung (zum Glück) so groß, dass sie für jedes Gemüt etwas zu bieten hat.

Da gibt es den GAU-geilen Beobachter, der insgeheim hofft, dass das Ding nun endlich richtig explodiert, damit die Spannung und das Entsetzen noch etwas erhalten bleibt. Dieser Typus setzt sich auch sonntags vor den Fernseher und schaut Formel 1 in der Hoffunung, ein ordentlicher Crash mit mindestens einem Schwerverletzten müsste dabei doch herausspringen. Natürlich ist dieser Typus auch immer angemessen entsetzt und zeigt dies auch gerne seiner Umwelt. Der zweite Typus verfolgt alle Informationen, recherchiert, wie diese Einheit Milli-Sievert definiert ist und wie ein Siedewasserreaktor funktioniert. Er verfolgt die besorgten Ausführungen von Atom- und Katasptrophenexperten und diskutiert gerne mit, prahlt etwas mit seinem physikalischen und technischen Sachverstand und hat eine eigene Theorie an der Hand und den Schuldigen sicher auch schon ausgemacht. Der dritte Typus ist ehrlich entsetzt, kann gar nicht hinsehen, fühlt mit den Menschen mit, die angesichts dieser unermesslichen Katastrophe noch immer eine bewundernswerte Disziplin an den Tag legen und wünscht sich, dass es ganz schnell vorbei ist. Die vierte Spezies nennt sich Politiker. Diese wenig scheue Gattung ist sich nicht zu schade, als erstes an die Mikrophone zu gehen, die Geschehnisse sachlich logisch in die eigene Weltanschauung  einzubauen und damit zu unterstreichen, dass man ja schon immer gesagt habe und überhaupt alles ganz anders und besser macht oder machen würde, als der jeweils andere. Zweckopportunismus, gespielte Anteilnahme und Aktionismus angesichts bevorstehender Wahlen – die Klaviatur der großen politischen Bühne wird von allen Beteiligten in vorhersehbar perfekter Weise virtuos gespielt. Man wirft sich gegenseitig respektloses Verhalten vor, bezichtigt sich der Lügen und malt den GAU auch in Deutschland an die Wand, um schnell noch Typus 3 in Alarmbereitschaft zu versetzen und Typus 1 wenigstens anzufüttern. Man könnte noch die Medienvertreter aufführen, die in einer Gratwanderung zwischen Sensationsjournalismus und Vermittlung von Sachinformationen hin und her schwanken und schließlich seien noch die genannt, denen die ganze Geschichte bereits auf die Nerven geht, weil sie Besseres zu tun haben oder eigene Sorgen haben.

Nun kann jeder sich sein Tortenstückchen herausschneiden und für sich selbst entscheiden, wie man sich dazu verhält. Ich für meinen Teil entdecke einen Teil von jedem in mir, empfinde zunächst große Anteilnahme und schäme mich später für die Gedanken, mir einmal den großen Knall herbeizuwünschen und ein andermal, man möge mich doch nicht weiter mit immer den gleichen Bildern langweilen. Ich verfolge politische Debatten, nicke abwechselnd bei der Kanzlerin, wenn sie von einem Ausstieg mit Augenmaß spricht und bei Gabriel, wenn er ihr einen ganz schmutzigen Deal mit der Atomlobby anquatscht. Ich weiss, dass die Einheit Sievert ein Maß für die biologische Wirkung von Strahlungsmengen auf den Organismus ist und ich weiss auch, wie ein Siedewasserreaktor funktioniert. Ich verfolge ängstlich meine Aktien und hoffe, dass sich die Märkte wieder erholen. Und ich bedauere es, beruflich wohl erstmal nicht wieder nach Tokio zu kommen.

Irgendwie fühle ich mich dreckig dabei, angesichts dieses für die moderne Menschheit unermesslich weitreichenden Ereignisses an meine eigenen kleinen Interessen zu denken und abwechselnd meinen Sensationshunger, mein technisches Interesse und meine egoistischen Gedanken an Wohlstand und Reisepläne zu befriedigen. Aber so ist das wohl. Der Mensch ist nicht grenzenlos emphatiefähig und im Kern wohl auch egoistisch. Man kann nicht stetig entsetzt sein und auch nicht den ganzen Tag trauern und das ist vielleicht auch gut so. Selbst in Japan, wo die Menschen unter dem Eindruck von Zerstörung und Bedrohung leben müssen, versuchen sie sich in Normalität. Trotzdem sollte man sich weiter informieren, weiter diskutieren, auch kontrovers und weiter Interesse daran zeigen und sich einmischen, wenn es darum geht, zu entscheiden, wie und um welchen Preis wir als moderne Zivilisationsmenschen in einer industrialisierten Welt leben wollen. Die Natur hat der Spaß- und Profit-gesteuerten Gesellschaft einmal mehr und diesmal hoffentlich drastisch genug gezeigt, dass nicht alles grenzenlos weitergehen kann, und es ist zu hoffen, dass dies eine Neukalibrierung nach sich zieht, die uns ein Stück weit auf das Wesentliche zurückführt. In der größten Not, im Schneegestöber, barfuß durch knietiefen Matsch durch eine Trümmerwüste watend, haben Menschen in Japan nur einen Gedanken: geht es meinen Lieben gut? Haben sie überlebt? Gibt es noch Hoffnung?

Das ringt einem Demut ab, lässt vieles, worüber man sich täglich ärgert, vieles, was man sich erstrebt und auf das man hinspart, klein und unwichtig erscheinen. Am Ende reicht ein Dach über dem Kopf, ein Stück Brot mit Schmalz und ein Schluck sauberes Wasser. Und zum Glücklichsein ein Mensch, den man liebt.