Es ist zwölf Uhr Nachmittags. High Noon im beschaulichen Dörfchen Neuenfelde. Der Wind weht sachte, ein mildes Frühlingslüftchen treibt Wüstenteufel vor sich her und irgendwo im Nichts krächzt ein Geier. Und wenn man sich umschaut sieht man keine einzige Menschenseele. Wo sind sie alle, mag man sich fragen, steht achselzuckend an der Hauptstraße und starrt auf leere, verwaiste Häuschen. Neuenfelde – zur Zeit Deutschlands einziges Örtchen, das sich eine ganze Geisterstadt leistet – ist ein Kuriosum. Weil das langweilige Kaff in direkter Verlängerung der Airbus-Einflugsschneise liegt und die Stadtherren keinen Bock auf möglicherweise zu erwartende, herumzickende Mieter hatten, wurden diese vor knapp acht (!) Jahren zu Luxuspreisen aus den alten Wohnungen gelockt. Seitdem stehen die Buden leer und das Städtchen blickt, rechnet man die vergangenen und nicht geleisteten Steuern bzw. Mietzinsen zusammen, mit ein paar Millionen Euro Steuergeldern in der Kreide.

Die ganze Angelegenheit ist schon so bizarr, dass Neuenfelde aus dieser zur Schau gestellten politischen Unfähigkeit glatt Kapital schlagen könnte. Doch anstatt Skandaltouristen aus dem ganzen Bundesgebiet in ihr schrottenlangweiliges Kuhdorf zu locken, wartet man die ganze Angelegenheit einfach ab, geht umsichtig in Deckung und hofft, dass hoffentlich niemand genauer hinguckt. Wie es die typischen Betonköpfe eben so tun, vermeidet man auf Anfrage allzu konkrete Antworten, wimmelt ob des Verstandes seiner politischen Mandatsträger zweifelnd jedwede dumme Nachfrage ab und versteckt sich gekonnt hinter schlecht zusammengeklaubten Entschlussfassungen (bei denen jeder nur halbwegs clevere Einzeller zweifelnd seine Endomembran faltig schrumpelt).

Immerhin gibt es in Neuenfelde noch einen richtigen Tante-Emma-Laden, weil sämtliche Gewerbetreibende inzwischen die weiße Fahne schwenken – möchte man also nostalgisch sein, würde sich ein Ausflug vielleicht doch noch lohnen. Schrauben, Zangen, Damenbinden und Papageienfutter – vielleicht liegt ja sogar ein Schallpegelmesser in einem alten Yps-Heft unter der Ladentheke. Der Lärmwert bei herannahenden Flugzeugen beläuft sich nämlich auf knappe 80 Dezibel, was ungefähr dem geschäftigen Treiben handelsüblicher Kraftfahrzeuge auf der Elbchaussee entspricht. Käme jetzt jemand auf die Idee, ganz Blankenese zu evakuieren um möglichen Sammelklagen des neureichen Establishments zu entgehen? Raus aus der Villa, Ohropax eingepackt und bloß weg hier.

Wohl kaum, seien wir mal ehrlich – das wäre doch eine ziemlich dämliche Idee … oder?