Was genau ist eigentlich ein Moratorium?

Unsere Bundeskanzlerin und andere Regierungspolitiker und auch die Medien haben den Begriff schon so oft bemüht, dass es mir fast peinlich ist, nicht zu wissen, was das eigentlich bedeutet. Zuerst dachte ich an einen Satz eines klassischen Konzertes oder an ein Friedhofsgebäude. Aber wozu haben wir denn Wikipedia? Demnach ist ein Moratorium enttäuschenderweise nichts weiter, als ein Aufschieben oder Aussetzen. Interessanterweise gilt die Jugendzeit in der Entwicklungs- und Sozialpsychologie auch als Moratorium „vor dem endgültigen Schritt ins Leben“ als Erwachsener.

Nun frage ich mich, was in diesen 3 Monaten besprochen bzw. untersucht werden soll. Ok, die Sicherheit aller Kernkraftwerke soll tabulos hinterfragt werden und nach dem Moratorium wird es anders sein, als vor dem Moratorium. Sind unsere KKW’s sicher? Die Antwort wird vermutlich lauten: Kommt drauf an! Darauf nämlich, was für Risiken man betrachtet. Sollen Überschwemmungen, Stromausfälle, Erdbeben, Flugzeugabstürze, Terroranschläge und Meteoriteneinschläge auch in Kombination miteinander betrachtet werden? Dann ist das Ergebnis heute schon sicher: kein KKW ist sicher. Deshalb wird es darauf ankommen, die Randbedingungen und die angenommenen Risiken tabulos so zu konfigurieren, dass das gewünschte Ergebnis dabei herauskommt. Wozu sich sonst drei Monate Zeit lassen?

Aber lassen wir den Experten doch die drei Monate Zeit zum Spielen, die braucht man in der Jugend schließlich auch, bevor man erwachsen ist. Da wird dann wohl eine Expertenkommission die Sicherheitsunterlagen der deutschen KKW’s noch einmal prüfen und zunächst bestätigen, dass sie nach dem damaligen Stand der Technik als angemessen einzustufen sind. Aber Japan hat ja alles verändert, das konnte man ja vorher nicht ahnen. Nicht dass die Grünen damals, als sie noch strickend und babystillend mit Sonnenblumen im Bundestag gesessen haben, schon die grundsätzliche Unbeherrschbarkeit der Atomenergie angemahnt und den sofortigen Ausstieg gefordert hätten. Zugegeben, mir waren damals die Fuzzis in Strickpulli und Turnschuhen auch nicht geheuer. Angesichts der aktuellen Ereignisse kann man wohl nur sagen – sie hatten recht. Das wird auch nach dem Moratorium so bleiben, selbst wenn man geschickt die Risikolage den Erfordernissen anpasst und sich alle befleissigen, zu beteuern, dass die deutschen Kernkraftwerke zu den sichersten der Welt zählen.

Die gesamtgesellschaftliche Debatte, die im Zuge des Moratoriums unter Einbeziehung von Wissenschaft, Wirtschaft, Kirchen, Gewerkschaften und Politikern stattfinden wird, soll zugleich einen Konsens darüber erzeugen , welches Risiko wir uns für unseren Lebensstil leisten wollen. Als wären die Argumente nicht schon alle seit Jahrzehnten bekannt. Letztlich handelt es sich ja um eine Grundsatzdebatte. Wollen wir Wohlstand bis zum großen Knall oder wollen wir einmal Verzicht üben und eine große Geißel der Menschheit zu den Akten der Geschichte legen helfen?

Aber geben wir den Volksvertretern und Experten doch diese Zeit zum Spielen, bevor wir dann als geleuterte Gesellschaft den Schritt ins erwachsene Leben vollziehen. Man darf gespannt sein. Es gibt ein schönes Zitat von Peter Rosegger:

Der Zeitraum Kindheit ist nicht die Vorbereitung auf das Leben, sondern das Leben selbst„.

Hoffentlich führt das ganze politische Geplänk am Ende zu einer Entscheidung, die den Kindern von heute und morgen ein unbeschwertes und atomar unbelastetes Leben und viel Zeit zum Spielen ermöglicht.