Wie aus Freunden Feinde werden, Sprache ist schon eine komische Sache. Wie so oft im Leben können sich einzelne Missverständnisse zu großen Problembergen anhäufen und irgendwann kommt dann die ganze Sache ins Rutschen. Man möchte sich einfach nur kurz mit seinen Kollegen unterhalten, schiebt noch die eine oder andere Information rüber und plötzlichen nehmen zunächst ganz zwanglose Gespräche eine seltsame Wendung. Mir passieren solche Dinge ständig, seit letzter Zeit und in Beziehung mit der öffentlichen Verwaltung noch viel häufiger. Informationen oder sachliche Dokumentation werden als Bewertung oder Angriff auf die eigene fragile Persönlichkeit verstanden. Kurzes Beispiel: “Ist mein Antrag bearbeitet worden? In unserer letzten Email stand, dass Sie sich bis heute 12:00 Uhr zurück melden wollten.” – “Was denken Sie sich eigentlich? Ich hab auch noch ganz andere Dinge zu tun!”
Solche Wortwechsel mit Betonköpfen und Eselshirnen bringen mich innerhalb kürzester Zeit auf die Palme. Auch hier scheint es sich vorrangig um ein eher westliches Problem zu handeln, das möglicherweise auf den stetigen Erfolgs- und Konkurrenzdruck zurückzuführen ist. Da fühlt sich jeder gleich auf den Schlips getreten, wenn auch nur die kleinste Kritik angedeutet wird. Es scheint nahezu unmöglich zu sein, sachlich mit seinen Mitmenschen zu diskutieren ohne zumindest zu riskieren, dass das Gegenüber wegen irgendeiner Nichtigkeit – und dann auch noch aus völlig verkehrt interpretierten Deutungen der eigenen Worte – an die Decke geht. Für denjenigen, der jetzt meint, es sei ganz einfach, Beobachtung und Bewertung klar voneinander zu trennen und mit Wörtern auszudrücken und die ganze Sache sei doch nur peanuts, hier ein paar ganz simple Gesprächsfetzen mit reinem Informationsgehalt (geordnet nach Eskalationsstufe):
1.) An der Bäckerkasse: “Sie haben die letzte Kundin vor mir bedient, obwohl ich länger warte.”
2.) An der Pommesbude: “Die verkrusteten Schweißflecken unter ihren Achseln weisen auf mangelnde Körperhygiene hin.”
3.) Stinkbesoffene Neonazis nach einer Krawallaktion gegen autonome Linke: “Ich hab’ dich mit dem Backstein verfehlt.”
Nun ja, man könnte diese kleine Liste sicherlich noch weiterführen. Sicherlich ist es nicht immer leicht, sich sachlich über reine Informationen auszutauschen ohne dass der Putz vom eigenen Selbstbewusstsein bröckelt. Sich aber ständig mit diesen Idioten und Tunnelblickern auseinandersetzen zu müssen, wo jede Anmerkung als Angriff, jede Geste als Affront, jedes Lächeln als Überheblichkeit verstanden wird, macht das gemeinsame Miteinander allerdings auch nicht einfacher. Das kostet Kraft, Nerven, Energie und schlichtweg Lebenszeit – und die ist einfach viel zu schade, um sie sich von einer Horde Betonköpfe stehlen zu lassen.


Jaja – die zwei Seiten einer Nachricht. Wie soll man auch wissen, wie die andere Person tickt? Jeder ist geneigt, seine eigene Interpretation und seine eigenen Umgangsformen zur Maxime zur erheben und das Gleiche auch von anderen zu erwarten. Das gilt für den Fragenden und den, der darauf dann eine saudumme Antwort gibt. In seinem Empfinden war es vermutlich eine saudumme Frage. Aber wie soll man das wissen? Vermutlich schlagen sich die Menschen mit dieser Fallgrube sozialen Miteinanders schon seit der Steinzeit herum (“Ich hab dein Weibchen in meine Höhle gezogen” – weils es geregnet hat, wollte er noch sagen, da traf ihn der Faustkeil zwischen die Augen). Ganze Kriege gehen vermutlich auf solche asynchronen Informationsübertragungen zurück und perfekte Familien sind an solchen gegenseitig nicht erfüllten Erwartungen zu Bruch gegangen. Aber was solls? So sind die Menschen. Nicht wie Computer mit einer definierten TCP/IP Informationsschnittstelle . Muss man vermutlich einfach locker sehen und dem vermeindlich bescheurten Gegenüber mit Milde und Gelassenheit begegnen. Denn – auch wenn das wiederum als Angriff verstehen werden könnte, obwohl es das gar ncht sein soll – sind die Personen, die sich immer falsch verstanden fühlen, oft dieselben, die häufig alles falsch verstehen, was andere sagen. Weil die Erwartung an das eigene Informationsübertragungsprotokoll hin und her zur Fehldeutungen, oder wie beim Computer, zu Inkompatibilitäten führt.
Da gibt es doch noch diese tolle Transaktionsanalyse – du bist ok, ich bin ok – und dazugehörige Rollenmodelle, die man beliebig analytisch aufbröseln kann. Leider merkt man es selbst nicht, wenn man mal wieder in eine solche hineinfällt, selbst wenn man um dieselbige weiss.
Vielleicht sollte man sich über diese kleinen Unzulänglichkeiten menschlicher Kommunikation eher freuen, denn wenn alle ständig mit ihrem Erwachsenen-Ich sachliche Information austauschten, würde ich mir eine rote Nase aufsetzen und wahllos Menschen an derselbigen zwicken, nur um ein verwundertes Gesicht zu ernten und ein zorniges “Verpiss dich du Penner” zu hören, statt ein “teilen sie mir bitte den Zweck ihrer soeben gezeigten Handgreiflichkeit mit und ich will ihnen gerne dabei behilflich sein, ihr Ziel zu erreichen, sofern es mit meinem zur Deckung zu bringen ist…”