Viel zu viele Kinderschänder

Ein schöner sonniger Frühlings-Sonn-Nachmittag in einer amerikanischen Kleinstadt nahe Seattle. Ich habe etwas Zeit und fahre mit meinem Leihwagen im wahrsten Sinne durch die Gegend, biege in eine „Neighborhood“ ab, in der ein schickes Häuschen neben dem anderen steht, alle fast gleich aussehend und überall ist der Rasen auf vorbildliche Länge gestutzt. Mein Blick schweift an den hübschen Vorgärten vorbei, den Garagenauffahrten, in denen je ein PkW oder Pickup parkt und mich beschleicht ein befremdliches Gefühl. Wo sind die Menschen? Es ist nun nicht so brüllend warm, dass man sich unter der Air Condition aufhalten müsste. Und zuhause scheinen sie auch zu sein, sonst wären ja nicht so viele Autos da. Ich steige aus, um ein Foto zu machen von der Reihe Papphäuschen, die wie eine aufgepustete Miniatureisenbahnstadt aussehen. Da fällt mein Blick auf ein Schild „Neighborhood Watch – Suspicious persons will be reported to the local authorities“. Soll heissen, ich werde beobachtet und vermutlich wählt einer hinter dem Vorhang schon die Nummer der Polizei, weil dort so ein verdächtiger Bekloppter steht, der mit einem Teleobjektiv die Straße abscannt. Ich fühle mich auf einmal wie in einem Horrorfilm und steige schnell ein, um die nächste Mall zu erreichen und etwas Essbares zu suchen.

Mein Burger in beiden Händen haltend sehe ich, was dem Bild der kleinen hübschen Nachbarschaft fehlte: Kinder! Es waren keine Kinder zu sehen, nirgendwo. Auf der Strasse nicht, in den Gärten nicht, kilometerweit nicht. Nur hier in der Mall, wo sie an Mamis Seite von Laden zu Laden schlendern oder sich am Nebentisch einen weiteren Quarterpounder auf die jetzt schon überzähligen Kilos fressen.

Diesen befremdlichen Eindruck im Sinn habe ich fortan etwas mehr darauf geachtet und tatsächlich nur noch Kinder in Autos, Malls oder durchorganisierten Festen gesehen, immer in Begleitung der treusorgenden Eltern. Ich habe Kinder um die 4 oder 5 gesehen, die an einer Hundeleine durch die Mall geführt werden. Da wollte ich doch glatt fragen, was die Dame sich dabei denkt. In Hamburg würde ich es tun, und ihr das Jugendamt androhen, in Seattle traue ich mich das nicht.

Beim Feierabendbier schildere ich einem amerikanischen Kollegen meine Beobachtung und frage ihn, warum in alles in der Welt man keine Kinder auf der Straße sieht. „Too many predators these days“ – zu viele Kinderschänder heutzutage – ist seine Antwort. Ja klar, das ist die Erklärung, Wie konnte ich das übersehen? Mir kommt ein Bild in den Kopf, wie sie an den Ecken stehen und lauern, sich durch Büsche robben, in Autos die Neighborhoods abfahren und Fotos machen (so wie ich). Und kaum kommt ein unbeaufsichtigtes Kind heraus – zack. Schon wieder eine Schlagzeile!

Auf die Frage, ob das schon immer so war, sagt er mir – nein, damals, als er noch Kind war, wurden sie morgens aus dem Haus geworfen und sind erst kurz vor Dunkelheit wieder gekommen, mit aufgeschlagenen Knien und Dreck im Gesicht. Aber das ginge ja heute nicht mehr, fügt er traurig hinzu. Die Gesellschaft sei heute zu „suspicious“ – misstrauisch.

Ist das wirklich so? Ist es eine Tatsache, dass Kinder in Gefahr sind, wenn sie draussen spielen oder ist es die Wahrnehmung der Gesellschaft und die Reaktion auf zahllose Medienberichte und wochenlange Reportagen über entführte und ermordete Kinder? In den USA ist die Gesellschaft in dieser Frage sicher schon ein paar Jahre der unsrigen voraus, es gibt Aufklärung über Kinderschänder in den Schulen, es gibt den Satz „Watch out for pedophiles!“ auf ToysRus Kassenzetteln und man kann im Internet nachsehen, wo der nächste vorbestrafte Sextäter wohnt, der auch nur mit einer entsprechenden Kennzeichnung, in ähnlicher Funktion wie ein Judenstern, für jedermann sichtbar ein Schwimmbad betreten darf.

Wenn man hierzulande fragt, was man denn so davon halte, dann bekommt man häufig zur Antwort „richtig so“. Das macht mir Angst. Ist unserer Kinder Zukunft auch schon so vorgezeichnet? werden zukünftige Kinder auch an Leinen geführt und 24/7 beaufsichtigt, von jedwegen Gefahren bewahrt, bis sie 18 sind? Wenn man die Entwicklung in Deutschland betrachtet, darf man diese Sorge haben. Eine Sensibilisierung ist sicher nicht ganz falsch, aber das Kollektiv scheint sich zuverlässig vorhersehbar immer wieder in die gleiche falsche Richtung zu bewegen, wenn irgendwo eine vermeindliche Gefahr droht: mehr Kontrolle, mehr Schutz, mehr Strafe.

Vielleicht sollte einer mal dazusagen, ob die Gefährdungslage sich überhaupt in den letzten Jahrzehnten verändert hat. Das hat sie tatsächlich. Die Zahlen bezüglich sexuell motivierter Kapitalverbrechen an Kindern sind z.B. seit Jahrzehnten verläßlich rückläufig. Wenn man dem Alarmgeschrei von tatsächlichen und selbsternannten KinderschützerInnen Glauben schenken würde, die von dem Internet als „Turbolader für Kindesmissbrauch“ reden, hätte es mit dessen Verbreitung in den 90ern einen gewaltigen Knick nach oben geben müssen – hat es aber nicht. Wir glauben das aber immer wieder. Wir glauben die Horrorstorys über Milliardengeschäfte mit Kinderpornos, tausenden von entsprechenden Seiten und gewaltigen Kinderschändernetzwerken, die irgendwo angeblich gesprengt worden sind und von denen man dann im Nachgang zum Abschluss der dazugehörigen Gerichtsprozesse, die die für Anhänger eines demokratischen Rechtstaates einzige legitime Instanz zur Bewertung der Strafwürdigkeit sein sollte, nichts mehr hört, weil das meiste davon heisse Luft und Mediengetrommel war und in den meisten Fällen nicht einmal zur Anklage geführt hat.

Das Thema eignet sich aber so schön als Aufmacher, das einstige Tabuthema kann heute ganz locker flockig zwischen Werbung für Kinderschokolade und Wetterbericht einer breiten Öffentlichkeit präsentiert werden. „Kinderschänder“ ist ein hoffähig gewordener Begriff, fast so alltäglich wie Hartz IV-Empfänger oder Politiker. Das grausige Unwohlsein beim Lesen solcher Berichte über geschändete und ermordete Kinder ist geeignet, Kasse zu machen. Die Boulevardpresse geiert schon auf den nächsten schockierenden Fall mit herzzerreissenden Eltern-Aufrufen und schrecklichen Details. Und jede gute Mutter leitet ihre eigenen Konsequenzen daraus ab. Aber wird das alles dadurch besser, dass man die Kinder wegsperrt? Hilft das auch nur einem Opfer oder hilft es eines zu vermeiden? Kein Thema ist derart unumstritten und konsensfähig, wie der kollektive Hass auf Kinderschänder, da wird nicht differenziert, da wird nicht analysiert, da wird nicht einmal kontrovers debattiert.

So legitim und verständlich das alles ist, aber damit bewegt sich eine Gesellschaft unvermeidlich immer mehr in die Richtung, dessen „Leitbild“ wir in den USA beklagenswert beobachten können. Und das Besorgniserregendste daran ist, dass das die meisten noch nicht einmal schlimm finden.

Terrorismus und Kinderschänder sind derzeit die Zugpferde für die schleichende Deliberalisierung der Gesellschaft, in deren Zuge von Abhörgesetzen, Vorratsdatenspeicherung bis hin zum verschärften Sexualstrafrecht mit haarsträubenden Details alles widerstandslos vom braven Wahlvolk abgesegnet wird. Es gab sogar schon eine Pressemitteilung, dass Terroristen neuerdings ihre Anschlagspläne digital in Kinderpornofotos verstecken. Ich weiss nicht, ob man lachend auf dem Rücken liegen soll oder kopfschüttelnd am Küchentisch…