Kategorie: Weltanschauung

Von Kraftstoffen und Verdauungsstörungen

Veröffentlicht von am 4. Mrz 2011

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Neulich an der Tankstelle: Wie so häufig und gerade bei der Shell stehe ich mit meinem kleinen Smart vor der Zapfsäule, der Hahn hängt bereits in der Spritöffnung und mein Blick schweift über die mitunter seltsam bezeichneten Kraftstoffarten. Da ist von Fuel-Safe und V-Power-Diesel die Rede und ich musste doch tatsächlich zum ersten Mal seit fast zehn Jahren mal kurz ans Kassenhäuschen treten. Das Gespräch verlief ungefähr so:

“Ja hallo, ich wollte mal Diesel tanken, welches von Ihren Produkten muss ich da nehmen? V-Power? Fuelsafe? Oder doch Power-Racing?”

“Nehmen Sie V-Power-Diesel.”

“Ach. Mh. Und warum V-Power, was ist da jetzt der Unterschied?”

“Gibts keinen, nehmen Sie einfach V-Power.”

Aaaahso. Davon mal abgesehen, dass diese ständigen Anglizismen mich mehr oder weniger annerven und auch die ältere Generation schon allein von der Aussprache so ihre Probleme haben dürfte (“Ick hab die Eins, 20 Litta dieses Fjuulseiv-Dingens“), kann man hinter der bescheuerten Artikelbezeichnung wohl noch einen Marketing-Gag vermuten. Ganz anders verhält es sich bei unserem neuen Bio-Kraftstoff, der immerhin an knapp 50% aller Tankstellen auf deutschem Boden zum Verkauf angeboten wird. Die Rede ist vom E10-Supersprit, dieses Zeug hat einen saftigen Bioethanolanteil von 10% (daher die kreative Namensgebung) aus bestem Amazonas-Buschwerk. Wessen Hütte in diesem irrwitzigen Zeug verarbeitet wurde, bleibt wohl für immer ein Geheimnis, jedenfalls sind die Einheimischen etwas angegrätzt.

“Makumba sagt, du nix fahren in Scheißendreck-Weißemann-Kutsche mit Baum von Garten der Vorfahren!”

Wie es scheint, hat Montezumas Rache nun auch unsere Motoren heimgesucht, denn das Zeug soll nun Schritt für Schritt wieder vom Markt entfernt werden. Zu unprofitabel.

Fazit: Die deutschen AutofahrerInnen sind zu blöd dafür. Um nämlich zu checken, ob das eigene Fahrzeug für E10 geeignet ist, müssen Flyer studiert oder Websites angesurft werden, und das ist den Konsumenten wohl zu bescheuert. Obwohl der Biosprit aus Makumbas Dorfbestand knapp 8 Cent günstiger ist als das nächstteurere Super.

Wer übrigens – so wie ich dereinst an der Shell-Tankstelle – auf die abstruse Idee kommt, den als “Serviceleistung” euphemisierten “Tankwart” ohne Existenzberechtigung um Rat zu fragen (by the way, wenn ein Service etwas kosten soll, ist es dann per definition noch ein Service oder nur ein weiteres überflüssiges Angebot?), wird sein rotes Wunder erleben:

“Mh … darf ich nicht sagen, aber tanken Sie doch Super!”

Na herzlichen Dank auch.

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  • Antworten » Andi 5. März 2011

    Die Einführung des E10 Treibstoffes scheint das bestgehütete Produkt-Startup der Geschichte zu sein. Offenbar hat die Mineralölwirtschaft nicht sonderlich viel Interesse, den neuen Wundertrank zu vermarkten, sonst wäre sie da sicher etwas professioneller vorgegangen. Tja, so geht es der ambitionierten Politik, wenn sie versucht, die Wirtschaft per Quote zu irgendetwas zu zwingen. 6,25% Biosprit war die Vorgabe, die die deutschen Poliziker von der EU-Vorgabe quasi abgeschrieben haben, ohne sich darüber weitere Gedanken zu machen. Alles andere wäre ja dann Sache der Wirtschaft, also die Aufklärung und die Werbung. Denkste Puppe, so einfach geht es nicht. Wer auf der einen Seite die freie Marktwirtschaft propagiert und auf der anderen Seite mit der heissen Nadel gestrickte Quoten-Dekrete erlässt, macht sich letztlich unglaubwürdig. Die Verunsicherung und Verärgerung der Kunden nun zu beklagen und die Wirtschaft dafür zu beschuldigen, macht es eher noch schlimmer. Die Brüderlesche Gipfel-Veranstaltung ist eine grundsätzlich gute Idee, sie klingt aber momentan eher wie ein Verhör, in der der Minister von den beteiligten Industrieunternehmen eine Rechtfertigung verlangt, warum sie die schöne und wertvoll ökologisch gemeinte Gesetzesvorlage nicht mit Inbrunst und Eifer umsetzen. Das ist ja so, als würde man dem Textilhandel eine Quote für naturfarbene, unbehandelte Schafwollesocken aufdrücken, weil die ja gegenüber den gefärbten Kunstfasersocken so umweltfreundlich sind, und sich dann beschweren, warum nicht große Werbekampagnen für diesen neunen schicken Trend in allen Medien laufen. Seriöse Wirtschaftspolitik sieht anders aus. Mal sehen, wie es der Frauenquote für Topmanagementfunktionen ergeht. Dann will ich aber auch eine Quote für Schwule in der Bundesliga.

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